Analogue Solutions Vostok II
Aus der britischen Manufaktur Analogue Solutions von Tom Carpenter stammt dieser fiese, kleine Koffer mit dem russisch anmutenden Namen, der aussieht wie ein Stromströße verteilendes Folterwerkzeug aus der Asservatenkammer finsterer Geheimdienste. Unterstützt wird die KGB-Aura noch durch die kyrillisch anmutende Beschriftung der Module.
Es handelt sich um einen echten kleinen Modularsynthesizer, dessen einzelne Module nicht intern vorverdrahtet sind. Wenn man keine Steckverbindungen via Matrix-Patchfeld oder Kabeln vornimmt, bleibt er stumm wie ein Stein.
Die Ausstattung überrascht, da tut sich eine Menge auf so kleinem Raum: 3 VCOs, davon zwei mit jeweils 3 (!) Suboszillatoren, PWM (Pulsweiten-Modulation), 2 VCFs mit Resonanz (HP und LP), 2 LFOs, 2 Hüllkurven, Sample und Hold, Noise, Ringmodulator, Sync, Mixer, 2 Multiples, ein Controller-Joystick, MIDI-CV-Interface und sogar ein analoger 8-Step-Sequenzer.
Klingen tut er recht bratzig und aggressiv, das liegt einerseits an dem nach MS20-Vorbild gebauten Filter, der ganz schön jaulen kann, andererseits an der Tatsache, dass der Amp schon ab dem halben Oszillator-Output zu übersteuern beginnt.
Nutzt man die Möglichkeit, mit Kabeln zu patchen, muss man zur 3,5mm-Miniklinke greifen, sonst wäre die äußerst kompakte Bauweise wohl auch kaum möglich gewesen. Es stehen aber zwei Adapter-Module zur Verfügung, die die Übersetzung auf 6,3mm Standard-Klinke ermöglichen.
Das grüne, beleuchtete Voltmeter ist in seiner Empfindlichkeit einstellbar und zeigt die Summe der Spannungen, die am Mixer anliegen. Neben dem Showeffekt ist sowas auch ganz nützlich, wenn man beim Strippenziehen vor lauter Kabeln (meine sind alle schwarz oder grau) mal den Überblick verloren hat und der Vostok aus mysteriösen Gründen trotzdem stumm bleibt.
Das Matrix-Steckfeld ist mit knapp 7 x 7 cm und seinen 484 Insert-Löchlein eine Herausforderung für's scharfe Auge. Die Pins sind so winzig, dass man sie nicht herumfliegen lassen sollte, sonst landen sie schnell im Staubsauger oder in den neugierigen Hälsen herumkrabbelnder Haustiere oder Kinder, wo sie absolut nicht hingehören.
Einsatzgebiete: Auch für melodiöses einsetzbar, jedoch liegen die Stärken eher bei Noises und Effekten.
Vorteile: Okaye MIDI-Implementation, die eine zweite Steuerspannung für Controller-Einsatz, eine Legato- und eine Accent-Funktion bereithält. Flexibles Routing durch modulare Bauweise und zahlreiche Eingriffsmöglichkeiten, coole Optik, kompakt und leicht. Das Metallgehäuse macht einen robusten Eindruck und ist sauber gefertigt. Im Grundklang ist der Vostok recht "dirty"! Die Potis sind zwar ziemlich klein, laufen aber schön geschmeidig. Der Joystick ist gottlob rigide genug, dass er auch seine Stellung beibehält, wenn der Vostok aufrecht steht. Der Sequenzer kann dank der flotten LFOs so schnell getaktet werden, dass man schon beinahe Waveshaping machen kann.
Nachteile: Zuerst mal... lieber Herr Carpenter, was haben Sie sich bei der Beschriftung gedacht? Es treibt mich zum Wahnsinn, wenn Buchseneingänge einen Pfeil aufweisen, der VON der Buchse WEG zeigt. Bei Ausgängen zeigt der Pfeil ZUR Buchse HIN! Natürlich, wenn man drüber nachdenkt, macht es schon Sinn, aber der verdammte Rest dieses Planeten macht es eben andersrum - und wer will schon beim Patchen auf eine Buchse starren und minutenlang grübeln, ob es sich nun um einen Ein- oder Ausgang handelt? Und das bei so einem winzigen Systemchen, das bisweilen so vollgestopft ist mit Kabeln, dass man schon allein dadurch den Überblick verliert. Seufz. Naja. Man muss beim Vostok auch mit anderen Unberechenbarkeiten und Einschränkungen leben. Wenn man das Matrix-Steckfeld benutzt, kann es durchaus sein, dass Spannungen auf benachbarte Insertpunkte durchschlagen. Die Sample&Hold-Einheit weist leider auch keine saubere Trennung der gesampelten Spannungen auf, man vernimmt auch bei Nullstellung des Glide-Reglers einen deutlichen Portamento-Effekt. Die Mini-Klinkenbuchsen sind auch etwas wacklig, es kann schon mal zu Signal-Verlusten kommen, wenn man ein Kabel berührt. Miniklinke ist unter den Patch-Normen auch nicht die kontaktfreudigste. Leider nur ein einziger Mixer, der auch nur für Audiosignale oder CV benutzt werden kann - nicht beides gleichzeitig. Hätte man dem Gehäuse etwas mehr Höhe und Breite gegönnt, hätte man noch ein paar nützliche Optionen unterbringen können.

